Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 

Harzbahn Forum
http://115518.homepagemodules.de/

Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 1.403 mal aufgerufen
 Harzer Häuser
Ulrich Offline



Beiträge: 4

21.07.2014 11:10
Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Liebes Forum,
diese Gebäude haben es mir angetan, es ist eine Fabrik und mehrere Fachwerkgebäude. Alles was ich bisher dazu rausgefunden habe ist, dass es in der königlich Preußischen Landesaufnahme als Glasfabrik bezeichnet wurde und zwischen 1901 und 1937 als Schwerspatmühle diente.
Es befindet sich auf dem Gelände ein altes Turbinenhaus mit Wasserturbine.
Wer hat zu der jüngeren Geschichte des Ortes Informationen?

OOK Offline


BAE-Club-Mitglied



Beiträge: 4.750

23.07.2014 18:37
#2 RE: Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Hallo Ulrich, leider hast du kein Foto mitgeliefert, so dass ich etwas im Dunkel stehe Aber vielleicht meinst du das ehemalige Sägewerk hinter der Gaststätte?

OOK.
Die vierte Harzer Meterspurbahn (BAE) gibts jetzt als Maxi-Buch, auch für Harzfreunde ohne Modellinteresse hochinteressant: https://shop.vgbahn.info/vgbahn/shop/die...bahn-_3723.html
_______________________

kuno Offline



Beiträge: 1.289

23.07.2014 19:30
#3 RE: Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Hallo Ulrich,
willkommen im Forum für Harz-Eisenbahnen und Harz-Geschichte.
In meinem Archiv habe ich viel Harz-Literatur. Aus diesen Quellen hier einige Informationen zu den "Industriebauten" neben dem Ausflugslokal "Paradies" im Siebertal:

1849 darf Zimmermeister D. Otto das Gefälle der Sieber für den Betrieb eines Schneidwerks nutzen. Nach 1862 baut Otto dieses aus und legt auch einen neuen Wassergraben an. Das Gefälle betrug 7,55 m! Hier wurde das im Siebertal anfallende Holz gleich vor Ort verarbeitet. Aber die Konkurrenz weiterer Sägewerke in Sieber und Herzberg zwangen Otto 1891 in den Konkurs.
Da die Forst weiter Interesse an dem starken Wassergefälle für das Schneidwerk hatte, ging der Betrieb auf den Bankier H.F. Wilhelm aus Herzberg über, der aber 1893 wiederum in Konkurs ging.
Ab 1895 wird es spannend: Die "Sieberthaler Werke" entstehen und erweitern das Sägewrk mit einer Anlage zur Trocknung von Schwerspat. Hierzu wird eine Dampfkesselanlage mit einem 15m hohen Schornstein erreichtet. Die eigentliche Trocknung erfolgte auf Bänken den den Gebäudeseitenwänden, auf denene der Schwerspat ausgebreitet wurde.
Dann wurde erweitert: eine Fassfabrik wurde gebaut und eine Mineralienmühle für Schwerspat, Flussspat und Braunstein. Es waren die Grundstoffe für die Farbenindusrie damals.
1905+1907 wurde der Dampfkessel jeweils komplett ersetzt. 4 oberschlächtige Wasserräder von 5,11 m Durchmesser und breiten von 1,3 m bzw. 2,5 m bzw. 1,2 m bei einer Schaufeltiefe von je 0,25 m treiben die Anlage an. 3 Wasserräder davon wurden kurz darauf von einer Turbine mit horizontaler Welle über einen Riemenantrieb ersetzt.
Die Firma firmierte dann als "Sieberthaler Barytwerke GmbH" mit dem Betriebszweck Schwerspat- und Sägemühle (Fassfabrik).
1907 wurde ein Fahrstuhl von 3,75 m Höhe eingebaut, mit dem der eintreffende Schwerspat in den 1. Stock der Mühle transportiert wurde.
1915 lag die Mühle kriegsbedingt still bis 1917.
1924 wurde ein Kesselhaus neu gebaut, in der eine Lanz-Dampfkesselanlage für 12 atm Druck Platz fand.
1925 wurde eine Schwerspat-Laugerei eingerichtet, in der der große Mengen 30%-iger Salzsäure verarbeitet wurde. Trotz Neutralisation mit Kalk leitete man die in die Sieber ab, was große Proteste hervorrief, besonders bei der Reichsbahn, die das Sieberwasser für ihre Dampfloks in Herzberg nutzte. Daher wurde der Betrieb der Laugerei bald wieder eingestellt.
1932 führte die schlechte gesamtwirtschaftliche Lage Deutschlands zur Stilllegung der Schwerspatmühle.

Der Herzberger Heimatforscher Klaus Matwijow hat die danach einsetzende Demontage/das Ausschlachten des Betriebes dokumentiert. seine Bilder sind in der Fachliteratur sehr beachtenswert.
Allein die rund 10 m lange ausgebaute Glühtrommel musste mit großen Mühen und einem vierspännigen Gefährt abtransportiert werden.

1942 übernahm die Braunschweiger Firma EMABAU die Schwerspatmühle zusammen mit dem Wassergefälle. Sie wollte dort in einem Zweigbetrieb Elektromaschinen als "kriegswichtige Produktion" bauen: Elektromotoren und Sendemaschinen für Flugzeuge.
1946 existierte EMABAU noch und baute eine gebrauchte Francis-Turbine ein, um mit dem Wassergefälle zukünftig Strom für das öffentliche Netzt zu erzeugen. Das Kraftwerk erreichte 210.000kWh/a Jahresleistung.
1949 aber ist aufgrund finanzieller Probleme Schluss mit der Stromförderung.
1958 erlosch das Wasserrecht.

Seither verfallen die Anlagen am "Paradies".
Vieles ist heute noch wiederzufinden: Gräben, Wehr, Rechen, Rohre, auch die Turbinen: die Francis-Turbine von 1906, die neue Francis-Turbine sowie die Banki-Turbine; Schwungräder und hydraulischer Regler, selbst Schaltwerk des Kraftwerks mit einigen Messgeräten sowie Kanonenofen und Ausgleichskessel oben an einer Mauerwand findet man noch.
Das große Fachwerkhaus war übrigens von jeher Wohnhaus, erst das des Besitzers, später wohnten Arbeiter darin.

Übrigens: Eigentümer der Anlagen ist der Fabrikant Mehnert in Braunschweig, der den ganzen Komplex gern für wenig Geld verkaufen würde.
Ein neuer Eigentümer hätte allerdings Probleme mit einer Nachnutzung: das Siebertal steht unter Naturschutz.

Fotos und zeichnungen kann ich aufgrund Urheberrechts leider nicht hier einstellen.
Vielleicht hat aber mal jemand Lust und Zeit, von den alten Anlagen Fotos zu machen.

Gruß
Jörg

Ulrich Offline



Beiträge: 4

25.07.2014 10:28
#4 RE: Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Hallo Jörg,

vielen Dank für die herzliche Begrüßung und vor allem zu dem so umfangreichen und beeindruckenden Informationen zu der Anlage.
Ich bin letztens dort gewesen. Es ist alles verschlossen und mit neuen Vorhängeschlössern versehen, meiner Meinung nach auch sehr berechtigt, denn ein Großteil der Gebäude ist extrem einsturzgefährdet, daher würde ich vom Betreten abraten!
Wer Interesse an Bildern hat kann sich gerne bei mir melden.

Ulrich

yachty47 Offline



Beiträge: 2

23.12.2017 20:09
#5 RE: Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Hallo Jörg,
deine Recherchen sind sehr aufschlussreich. Wo hast du all diese Informationen her, und was ist heute mit all
diesen Gebäuden?

OOK Offline


BAE-Club-Mitglied



Beiträge: 4.750

23.12.2017 22:01
#6 RE: Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Hallo yachty, du bist neu hier, keiner kennt dich, da wärs nett, du würdest dich ein wenig vorstellen (es gibt dazu einen eigenen Bereich), gerne auch mit deinem Vornamen, dann hast du mehr Chancen auf die Beantwortung von Fragen.
Der Mod.

OOK.
Die vierte Harzer Meterspurbahn (BAE) gibts jetzt als Maxi-Buch, auch für Harzfreunde ohne Modellinteresse hochinteressant: https://shop.vgbahn.info/vgbahn/shop/die...bahn-_3723.html
_______________________

yachty47 Offline



Beiträge: 2

05.02.2018 20:16
#7 RE: Gebäude neben dem Hotel "Paradies" im Siebertal antworten

Hallo zusammen, ich komme aus Kassel und interessiere mich grundsätzlich für Historie von alten Gebäuden. Die Frage die sich mir stellt, ist warum verfallen in so einer schönen Gegend solche Gebäude. Wäre doch ein Super Platz für Kulturveranstaltungen, oder ähnliches. Bewahren ist besser als zerstören oder Verfall. Wer weiss mehr über vergangene Tage dieser Location?

 Sprung  

BAE-by-OOK

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen